Der Historiker

Eugen Brosch-Fohraheim, Leiter der GeschichtsWerkstatt, beleuchtet in seiner Kolumne "Der Historiker" im Museumsjournal ab 2024 jede Ausgabe ein historisches Thema. Hier gibt es den Beitrag in Eugen's Originalfassung und in Originallänge mit Anmerkungen zum Nachlesen!

Alt-Pfadfinder-Klubs und Alt-Pfadfinder-Rat

Bei der außerordentlichen Generalversammlung des „Verbandes der Pfadfindergilde Österreich“ (VPGÖ) am 17.03.1953 werden 7 Alt-Pfadfinderklubs aufgenommen, der Verband umfasst damit 11 Mitgliedsvereine, der Name auf „Verband der Altpfadfindergilde Österreichs“ (=VAPGÖ) geändert und die harmonisierten Statuten beschlossen.[1] Damit geht das Kapitel des in Gründung befindlichen „Verbandes der Alt-Pfadfinder Österreichs“ zu Ende und die damit aufgenommen Alt-Pfadfinder-Klubs werden in der VAPGÖ-Geschichte nur mehr mit ihrem Eintrittsdatum verzeichnet, obwohl sie bereits vorher bestanden haben.

 

Mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes im Mai 1945 blieb ein in weiten Teilen zerstörtes Land zurück, das unter „Kuratel“ der vier Siegermächte stand. Aus dem Schutt heraus nahmen die Pfadfinder nach 8 Verbotsjahren wieder ihre Tätigkeit auf und waren dabei auf die Unterstützung der ehemaligen Pfadfinder, die zum Teil sukzessive aus dem Kriege heimkehrten, angewiesen. Viele von ihnen wollten keine Führertätigkeit aufnehmen, sondern in der einen oder anderen Form die Pfadfinder beim Wiederaufbau unterstützen und sie sammelten sich in Rover-Rotten. Die Rover waren damals für die Altersklasse ab 17 Jahre[2] gedacht, wobei juristisch die Volljährigkeit mit dem 21. Lebensjahr erreicht wurde. Auch für die vor dem Kriege bestehenden Pfadfinderverbände - Österreichischer Pfadfinderbund (ÖPB) und Österreichisches Pfadfinderkorps St. Georg (ÖPK) - änderte sich durch die Entscheidung der Österreichischen Bischofkonferenz im Herbst 1945 gegen den Verbändekatholizismus und die nunmehr geltende Regelung des „Boy Scouts International Bureau“ (IB) – ab 1961 „World Association of the international Scout Movement“ (WOSM) genannt - nur mehr einen Verband pro Staat aufzunehmen, einiges. So kam es Anfang 1946 zur Vereinigung der beiden Vorkriegspfadfinderverbände zu den „Pfadfinder Österreichs“ (PÖ), wobei beide Verbände von einigen liebgewonnenen Traditionen Abschied nehmen mussten. Von den PÖ wurde der Sammlung der Altpfadfinder ein hohes Augenmerk zugewendet. Auch auf internationaler Ebene wurde von IB-Seite die Idee einer Vereinigung von Alt-Pfadfinderverbänden durch die Bildung der „International Conference of Association of Former Scouts“ (ICAFS) konkretisiert, die erste Konferenzen organisierte. Das führte dazu, dass Dr. Josef Miegl (Mitglied der ÖPB-Gilde „Papa Teuber“) bei der Hauptversammlung und Bundesführertagung der PÖ am 15.11.1947 ein Referat zum Thema „Altpfadfinder“[3] hielt, er 1949 zum „Kommissär für Fragen der Altpfadfinder“ bestellt wurde[4] und die PÖ bei den Konferenzen des ICAFS vertrat. Trotz intensiver Gespräche konnte in Österreich keine Lösung bezüglich der sich in der Zwischenzeit gebildeten Alt-Pfadfinder-Klubs bzw. Gilden, u.a. Eingliederung als „vierten Alterssparte – Alt-Pfadfinder“ – in die Pfadfindergruppen, aufgrund unterschiedlicher Auffassungen gefunden werden. Die vier 1950 bestehenden und bereits behördlich nichtuntersagten ex-ÖPB-Gilden preschten vor und gründeten 1951 den „Verband der Pfadfindergilden Österreichs“(VPGÖ). Dass die Neugründung des ÖPB und Gründung des „Neutralen Pfadfinderverbandes“ (NPV) und damit die Eingliederung von mehreren PÖ-Gruppen Anfang 1950 in den ÖPB bzw. NPV die Gespräche zwischen VPGÖ und PÖ atmosphärisch nicht erleichterte, braucht nicht betont zu werden.

 

Auch in den Pfadfindergruppen, die aus dem ÖPK stammten, bildeten sich nach 1946 Alt-Pfadfinder-Einheiten, die sich in der Mehrzahl „Klubs“, „Runden“ oder „Rover-Rotten“ nannten. In dieser „Grauphase“ der Entwicklung der Alt-Pfadfinder-Bewegung, in manchen Gruppen wurden sie als Sparte „Alt-Pfadfinder“ registriert aber es bildeten sich auch von Gruppen unabhängige „Klubs“. Tatsache dürfte sein, dass die meisten dieser Klubs im Gegensatz zu den Gilden nicht als eigenständige Vereine behördlich „nichtuntersagt“ waren. Die Gründung des VPGÖ 1951 führte bei den Klubs dazu, dass sich die Obleute der „Alt-Pfadfinder-Klubs“ (APK) in einem „Alt-Pfadfinder-Rat“[5] unter Leitung von Mag. Josef Pakosta (APK Presseklub) und Josef de Bellis (APC Blau-Gelb) zusammensetzten und die Gründung eines eigenen - PÖ-nahen - Verbandes überlegten. Der Arbeitstitel dieses Verbandes sollte „Verband der Alt-Pfadfinder Österreichs“ sein und es wurden 1951 Arbeitsausschüsse zur Vorbereitung eingesetzt. Diesen Arbeitsausschüssen gehörten zumindest Vertreter folgender APK’s an: Blau-Gelb, Presseklub, Klub 18/68, 38/39 (der sich später „Edelweiss“ nannte), Baden, Mödling, Wartenstein-Gloggnitz und Altpfadfinder 71. Der „Landesverband der Alt-Pfadfinder Wien und Niederösterreichs“ gab 1952 unter dem Titel „Information“ ein hektographiertes Blatt in regelmäßigen Abständen heraus. DeBellis nahm auch Gespräche mit dem Bundesverband der PÖ und den Landeskorps Wien und Niederösterreich auf, da mit der Gründung des VPGÖ auch die Position des „PÖ-Kommissärs für Fragen der Altpfadfinder“ unbesetzt war. Er ersuchte um ein Mandat seitens der beiden Landeskorps um Rückendeckung für die Gespräche mit dem Bundesverband zu erhalten. Dies hatte insofern Dringlichkeit als das „IB“ bis Ende April 1952 Informationen verlangte, welche 2 Personen Österreich bei der Konferenz des ICAFS im September vertreten sollten. Für die PÖ war die Sache deshalb brisant, da der bisherige Vertreter Dr. Miegl nicht mehr dem Verband angehörte. Schließlich wurden Wilhelm Hubert und Joseph Siehs, Mitglieder des „Alt-Pfadfinder-Rates“ (APR), als Delegierte von den PÖ nominiert. Dr. Miegl, der eine persönliche Einladung vom IB als bisheriger Vertreter erhalten hatte, nahm als „Visitor“ an der Tagung teil.

 

Am 20.6.1952 fand eine Sitzung der „Alt-Pfadfinder-Klubs, Runden und Gilden“ in den Räumlichkeiten des Landeskorps Niederösterreich – damals Wien 1, Köllnerhofgasse 5/Mezzanin [6] - statt an der auch die Mitglieder der zentralen Arbeitsausschüsse teilnahmen. Die Sache „Alt-Pfadfinder Österreichs“ wurde weiter intensiv betrieben und erste Statuten- und Organisationsentwürfe diskutiert. Bei der 1. Sitzung des APR in der Köllnerhofgasse am 25.9.1952 berichtete u.a. Josef Siehl über die Ergebnisse der ICAFS-Konferenz und es wurde beschlossen sowohl Gespräche mit dem Präsidenten der PÖ Georg Reininghaus und Dr. Miegl aufzunehmen[7]. Präsident Reinighaus rief in der Folge die Mitglieder des APR auf „den Weg nicht zu engstirnig zu bauen“[8] und „eine Form zu finden, die eine Zusammenfassung mit dem Gildenverband zulässt.“[9] Ende November 1952 zeigten sich auch Vertreter des VPGÖ zu einem Gespräch am 6.12.1952 bereit, der ein wahrer Verhandlungsmarathon im Dezember folgte. In diesen zeigten sich die Vertreter des VPGÖ bereit inhaltlich über die Statuten eines gemeinsamen Verbandes zu sprechen, da die geltenden Statuten des VPGÖ auf adaptierten Statuten eines Hundezüchterverbandes beruhten[10]. Am 6.1.1953 konnte das Ergebnis der Gespräche mit dem VPGÖ der Versammlung der Obleute der Alt-Pfadfinder-Klubs vorgelegt werden und nach intensiver Diskussion wurde die grundsätzliche Entscheidung getroffen, dass man dem gemeinsamen Verband beitreten sollte. Am 17.3.1953 wurde schließlich die „vollkommene Einigung“[11] erzielt und auf der außerordentlichen Generalversammlung des VPGÖ am 9.5.1953 die Aufnahme vollzogen. Nicht alle Alt-Pfadfinder-Klubs konnten diese Entscheidung mittragen, was dazu führte, dass von den bestehenden 12 Alt-Pfadfinder-Klubs bzw. Runden bzw. Alt-Rover-Rotten nur 7 dem Verband eintraten.

 

Nun kurz zur Geschichte der einzelnen Klubs, Runden, Alt-Pfadfinderrotten und Gilden mit ÖPK-Hintergrund, soweit bekannt ist. Solltest Du, lieber Leser mehr dazu wissen, so bitte ich um Information am besten über Mail: eugen(dot)brosch-fohraheim(at)chello(dot)at.

 

AP Klub 18/68: Gründung im Herbst 1947 aus ehemaligen Mitgliedern der ÖPK-Gruppen 18 und 68 unter Führung von Josef Necklapil und Karl Weber, [12]. 1953 Beitritt zum VAPGÖ

Altpfadfinder 71: Gründung im Herbst 1947 aus ehemaligen Mitgliedern der ÖPK-Gruppe 71 unter Führung von Johann Petrak, kein Beitritt zum VAPGÖ,

APK Mödling: Gründung im Herbst 19?? aus ehemaligen Mitgliedern der ÖPK-Gruppe Mödling unter Führung von Herbert Rödler, kein Beitritt zum VAPGÖ, da die vorhandene Vereinsgenehmigung durch die russische Besatzung nicht in Frage gestellt werden sollte.

AP Club Blau-Gelb: Gründung im Herbst um 1948 aus ehemaligen NÖ-Mitgliedern verschiedener ÖPK-Gruppen, die in Wien wohnten unter Führung von Josef De Bellis, 1953 Beitritt zum VAPGÖ.

APK Presseklub: Gründung im Herbst um 1948 unter Führung von Walter Sulzenbacher, 1953 Beitritt zum VAPGÖ.

Rover-Rotte Baden: Gründung im Herbst 1952 aus ehemaligen Mitgliedern der ÖPK-Gruppe Baden unter Führung von Ing.Felix Walter[13], 1953 Beitritt zum VAPGÖ

APK Feldkirch: Gründung im Herbst 1947 aus ehemaligen Mitgliedern der ÖPK-Gruppen Feldkirch unter Führung von Josef „Pepi“ Wolf[14], 1981 Beitritt zum VAPGÖ

APK Edelweiss bzw. 38/39: Gründung im Herbst 1948[15] aus ehemaligen Mitgliedern der ÖPK-Gruppen 38 und 39 unter Führung von Heinz Albrecht, 1953 Beitritt zum VAPGÖ

AP Runde Wartenstein-Gloggnitz: Gründung im Herbst 1946 unter Führung von August Reisenbauer, 1953 Beitritt zum VAPGÖ

APK Wien 13 Bruder Florian: Gründung im Herbst um 1948 aus ehemaligen Mitgliedern der ÖPK-Gruppe 13 von Josef Vavrik, 1953 Beitritt zum VAPGÖ.

Klub der Altpfadfinder - Fürstenfeld: Gründung im Herbst 1945 aus ehemaligen Mitgliedern der ÖPK-Gruppen Fürstenfeld unter Führung von Franz Bauer[16], 1966 Beitritt zum VAPGÖ

AP Klub Grün-Gold Linz: Gründung im Herbst 1948 aus ehemaligen Mitgliedern der ÖPK-Gruppen in OÖ unter Führung von Dr. Paul Schenk[17], 1956 Beitritt zum VAPGÖ

 

Solltest Du, lieber Leser, über Fotos von Wilhelm Hubert, Joseph Siehs oder Fotos aus der Zeit um 1952 der anderen genannten Personen verfügen oder jemand kennen, der welche hat, so bitte ich um Information.

 

 

[1]   Dkfm. Alfred Partsch: „Die ersten 50 Jahre, Geschichte der Pfadfinder-Gilden in Österreich 1951-2001“; Wien 2001, Seite 27

[2]    Pfadfinder Österreichs: „GOA - Grundsätze, Organisation, Ausbildung“, Ausgabe 1949

[3]    Kurt Pribich: „Logbuch der Pfadfinderverbände in Österreich“, Wien 2001, Seite154

[4]    Manfred Fux: „Geschichte der österreichischen Pfadfinderbewegung – von den Anfängen bis zum ‚Jamboree der Einfachheit‘ (1912-1951)“, Wien 1970, Seite 250

[5]    Dkfm. Alfred Partsch, a.a.O., Seite 27

[6]    Helmut Salat, Präsident der NÖ Pfadfinder und Pfadfinderinnen, in Vortrag „Einige Gedanken und Fakten zu dem Verein der NÖ Pfadfinder …“ im Pfadfindermuseum am 19.1.2026

[7]    Protokoll der 1.Sitzung des Alt-Pfadfinder-Rates am 25.9.1952, Seite 2

[8]    Protokoll der Zusammenkunft der Klubmänner und der Vorsitzende der Arbeitsausschüss am 6.1.1953

[9]    Protokoll der Zusammenkunft der Klubmänner und der Vorsitzende der Arbeitsausschüss am 6.1.1953

[10]   Protokoll des Gespräches VPGÖ – APR am 10.12.1952

[11]   Dkfm. Alfred Partsch, a.a.O., Seite 27

[12]   „60 Jahre Alt-Pfadfinderklub 18/68“, Wien 2007

[13]   „30 Jahre Pfadfindergilde Österreichs“ – Gildenweg Nr. 3-1981, Wien 1981, Seite 43

[14]   „50 Jahre Feldkircher Altpfadfinder Club Gilde Feldkirch“, Feldkirch 1997

[15]   Dkfm. Alfred Partsch, a.a.O., Seite 12

[16]   „30 Jahre Pfadfindergruppe Fürstenfeld - Festschrift“ – Fürstenfeld 1958, Sei 26

[17]   „50 Jahre Pfadfinder-Gilde Grün-Gold-Linz“, Linz 1997, Seite 4 ff

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