Der Historiker
Eugen Brosch-Fohraheim, Leiter der GeschichtsWerkstatt, beleuchtet in seiner Kolumne "Der Historiker" im Museumsjournal ab 2024 jede Ausgabe ein historisches Thema. Hier gibt es den Beitrag in Eugen's Originalfassung und in Originallänge mit Anmerkungen zum Nachlesen!
Alternative Werbung für die Pfadfinderidee!
Alternative Werbung für die Pfadfinderidee
Ein Bericht der Wiener Zeitung über den „II. Internationalen Kongress für Rettungswesen und Unfallverhütung“ erwähnt neben anderen Vorträgen auch, dass „Oberleutnant Teuber auf die Bedeutung des Pfadfindertums auch für dieses Gebiet aufmerksam“[1] machte. Das erregte mein Interesse, sodass ich mit der Recherche begann.
Im Herbst 1913 – ein Jahr nachdem Emmerich „Papa“ Teuber mit der praktischen Pfadfinderarbeit in Wien-Erdberg begonnen hatte – bestanden in Wien 6 Pfadfindergruppen mit 150 Mitgliedern[2]. Die Öffentlichkeitsarbeit für die neue Bewegung begann in Abwesenheit von Papa Teuber – er war auf Kur – mit der Errichtung einer „Block-Hütte“ bei der großen „Adria-Ausstellung“, die von Mai bis Oktober ihre Türen geöffnet hatte und von insgesamt rd.2,1 Mio. Besuchern[3] besucht wurde. Erstmalig präsentierten sich die Pfadfinder in der „englischen Tracht“ und nicht mehr in den den Turnern nachempfundenen Lodenanzügen. In dieser Hütte wurden die Grundzüge der Pfadfinderidee gezeigt und ergänzende Auskünfte erteilt bzw. an Wochenenden Vorführungen gemacht. Man kann sich vorstellen, dass damit die Kapazitäten des kleinen Pfadfinderkorps ziemlich ausgelastet waren. (siehe Museums-Journal Nr.80 – September 2024)
1913 hielt der 83-jährige Kaiser Franz-Joseph I. die auseinanderstrebenden Nationen der Habsburgermonarchie mit ihren über 60 Mio. Einwohnern zusammen und Wien war „k.u.k. Reichhaupt- und Residenzstadt“. Am Balkan blieb nach zwei „Balkankriegen“ die Lage explosiv.
In den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wurden die Naturwissenschaften und die Medizin, insbesonders mit den Teilgebieten „Sanitätswesen“, „Rettungswesen“, „Hygiene“, „Kinderfürsorge“ etc. zu Themen, die eine breite Öffentlichkeit interessierten. Eine Vielzahl von Kongressen und Versammlungen beschäftigten sich mit diesen Themen. Emmerich Teuber erkannte die Chancen, die diese Themen auch für die Pfadfinderidee brachten. So entschloss er sich an drei großen Kongressen im September 1913 als Delegierter des „Vereins zur Errichtung und Erhaltung eines Pfadfinderkorps, Wien“ teilzunehmen, um für die Pfadfinderidee zu werben und Pfadfinder - wenn möglich - in den Betrieb einzubauen.
II. Österreichischer Kinderschutzkongress
Dieser Kongress, zu dem sich rd. 1100 Teilnehmer eingefunden hatten, fand in der Zeit von 4. bis 6. September 1913 in Salzburg statt. Emmerich Teuber und Charlotte Teuber nahmen als Mitglieder an dem Kongress teil. Neben den Generalversammlungen fanden Sitzungen in der „Abteilung I – Kindererwerbsarbeit“ und „Abteilung II – Fürsorgeerziehung“ statt. In der letztgenannten Abteilung hielt am 4.9. Olt.a.D. Emmerich Teuber einen Vortrag über die weltweite Pfadfinderbewegung und erntete „Beifall und Händeklatschen“[4] für seine Ausführungen. Die Delegierten nahmen eine Resolution zur Gründung einer „Zentrale für Jugendwohlfahrt und Volksbildung“, in dem auch die Pfadfinderbewegung Berücksichtigung fand, einstimmig an.
II. Internationalen Kongress für Rettungswesen und Unfallverhütung
Die Bedeutung, die man diesem Kongress beimaß, zeigen schon die Tagungsorte, nämlich das Parlamentsgebäude bzw. für kleinere Veranstaltungen die Wiener Universität. Rund 3200 Teilnehmer und Delegierte – Emmerich Teuber nahm als Delegierter des „Vereins zur Erhaltung eines Pfadfinderkorps“ teil – aus 36 Ländern nahmen in der Zeit von 8.9. bis 12.9.1913 an dieser Veranstaltung teil. Unter den Teilnehmern befand sich auch der bekannte Schriftsteller Franz Kafka als Delegierter der Prager "Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt"[5]. „25 Pfadfinder standen der Kongressleitung für Führer-, Boten-, Ordnungs- und Ehrendienste zur Verfügung“ [6]. So wurde im täglich erscheinenden „Tageblatt“ folgendes verlautbart: „Wiener Pfadfinder als Dolmetscher für Kongressmitglieder. Französisch sprechende „Pfadfinder“ sind durch rote, Englisch sprechende durch blaue Armbinden kenntlich gemacht.“[7]
Neben den Vorträgen und Diskussionen im Rahmen des Arbeitsprogrammes gab es auch sogenannte „Gesellige Veranstaltungen“[8]. So wurde für Mittwoch 10.9.1913 um 16 Uhr eine „Sanitätsübung der Wiener freiwilligen Rettungsgesellschaft auf dem Trabrennplatze“ durchgeführt. Die „Bewirtung erfolgte mittels Feldküche. Hieran anschließend war ein Besuch der Adria-Ausstellung“ angekündigt. Protektor Graf Hans Wilczek und mehrere hundert Kongressteilnehmer wohnten der interessanten Übung bei.“ [9] Nach einer Parade des Wagenparks der „Wiener freiwilligen Rettungsgesellschaft“ wurde „in kürzester Zeit eine große Zeltbaracke errichtet, gleich darauf die kleine Baracke der Pfadfinder.“[10] Die Übungsannahme war, dass auf dem vollbesetzten Trabrennplatz mehrere Pferde scheu geworden und in den Zuschauerraum eingebrochen waren. Die Übung wurde trotz strömenden Regens durchgeführt und nahm eineinhalb Stunden in Anspruch. Insgesamt wurden 40 Ärzte, 20 Mediziner, 20 Sanitätsdiener und ein Wagenpark von 20 Wagen eingesetzt. „Das Patientenmaterial lieferte das Pfadfinderkorps in Stärke von 40 Jünglingen.“[11] „Der Eindruck der Aktion war im großen Publikum gewaltig.“[12] Interessant dabei ist, dass die eingeteilten Pfadfinder dabei – siehe Bild – noch die „alte Turneruniform“ trugen.
Am Freitag fand im Sitzungssaal des Abgeordnetenhauses eine Sitzung der Gruppe A statt, die sich unter anderen mit der praktischen Ausbildung der Ersten Hilfe befasste.[13] Unter anderem sprach Dr. Friedrich Thümen aus Naumburg/DE über „Das Samaritertum auf den höheren Schulen“. In der anschließenden Diskussion meldete sich sofort Olt. Teuber mit einem Plädoyer für die Pfadfinderbewegung zu Wort, die ja auch Grundkenntnisse in „Erster Hilfe“ vermittelt. Dieser Diskussionsbeitrag war offensichtlich so eindrucksvoll, dass er in den Zeitungen Erwähnung fand.
85. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte
Der bedeutendste Kongress dieses Herbstes war sicher die von 21.-28.09.1913 stattfindende „Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte“ mit rd. 4000 Teilnehmern[14], dessen Plenarsitzungen ebenfalls im Parlament abgehalten wurden. Diese Tagung war in 2 Hauptabteilungen gegliedert, die naturwissenschaftliche und medizinische. In der medizinischen Hauptabteilung wurden zum ersten Mal auch Beratungen zum Thema „Sanitätswesen, öffentliche Gesundheit und wissenschaftliche Hygiene“ durchgeführt, ein Gebiet, das auch Emmerich Teuber als Teilnehmer interessierte. Ein Empfang der Kongressteilnehmer im „großen Redoutensaal“ der Hofburg, bei dem S.M. der Kaiser, Franz-Joseph I., persönlich anwesend war, war ein Höhepunkt und zeigte welche die Bedeutung man diesem Kongress beimaß.[15]
Der Kongressleitung standen „für die Dauer der Sitzungen 15 Pfadfinder“ [16] zur Verfügung, die „in der Universität und im Parlament den Führer-, Ordnungs-, Boten-, und Ehrendienste freiwillig und uneigennützig“ [17] versahen. Ein Einsatzort war die Quästur der Universität Wien, wo „die braven, an Buren erinnernde Pfadfinder“ [18] den Dienst besorgten. Der Ehrendienst war die Begleitung hochgestellter Persönlichkeiten, so des Prinzen von Bayern.[19]. Da das „Tageblatt“ des Kongresses in der Österreichischen Nationalbibliothek nicht auffindbar ist, konnten weitere Details nicht eruiert werden.
Post Scriptum: Sollten Sie, geschätzter Leser, über weitere Informationen zu den Kongressen bezüglich Pfadfinder kennen bzw. wissen wo weitere Fotos von einem der Kongresse mit Pfadfindern zu finden sind, so ist der Autor für die entsprechende Hinweise dankbar.
Weiters suche ich Personen, die beim „Ungarn-Einsatz“ 1956 dabei waren, für einen künftigen Artikel. Meine E-Mail-Adresse: eugen(dot)brosch-fohraheim(at)chello(dot)at
[1] Wiener Zeitung, Nr.212 vom 13.9.1913, Seite 4
[2] Emmerich Teuber: Die Fortschritte der Pfadfinder-organisation in Österreich“, in: Zeitschrift f. Kinder-schutz und Jugendfürsorge, 5.Jg., Nr.8/9 August/ September 1913, Seite 263/4
[3] „Adria-Ausstellung 1913“, Wikipedia, Stand 3.4.2017
[4] „Protokoll über die Verhandlungen des Zweiten Österr. Kinderschutzkongresses in Salzburg“, in Schriften des zweiten Österr.Kinderschutzkongresses, Band II, Wien 1913, Seite135
[5] https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Franz_Kafka
[6] Emmerich Teuber: Die Fortschritte der Pfadfinder-organisation in Österreich“, a.a.O., Seite 263/4
[7] Tageblatt Nr.2 vom 10.9.1913, Seite 5
[8] Tageblatt Nr.2 vom 10.9.1913, Seite 6
[9] Wiener Zeitung, Nr.210 vom 11.9.1913, Seite 7
[10] Tageblatt Nr.4 vom 12.9.1913, Seite 1
[11] Wiener Zeitung, Nr.210 vom 11.9.1913, Seite 7
[12] Tageblatt Nr.4 vom 12.9.1913, Seite 2
[13] Wiener Zeitung, Nr.212 vom 13.9.1913, Seite 4
[14] Wiener Zeitung, Nr. 218 vom 22.9.1913, Seite 4
[15] Wiener Zeitung, Nr.222 vom 25.9.1913, Seite 6
[16] Neue freie Presse, Nr.17633 vom 25.9.1913, Seite 9
[17] Neue freie Presse, Nr.17633 vom 25.9.1913, Seite 9
[18] Neue freie Presse, Nr.17629 vom 21.9.1913, Seite 13
[19] Neue freie Presse, Nr.17631vom 23.9.1913, Seite 8

