Der Historiker

Eugen Brosch-Fohraheim, Leiter der GeschichtsWerkstatt, beleuchtet in seiner Kolumne "Der Historiker" im Museumsjournal ab 2024 jede Ausgabe ein historisches Thema. Hier gibt es den Beitrag in Eugen's Originalfassung und in Originallänge mit Anmerkungen zum Nachlesen!

Turbo für die österreichische Pfadfinderbewegung!

Die katholische Kirche hatte Ende des 19. bzw. zu Beginn des 20.Jahrhunderts versucht durch die nahezu flächendeckende Schaffung katholischer Organisationen– überspitzt „Verbändekatholizismus“ genannt - der Phase des beschleunigten sozialen Wandels Rechnung zu tragen. Der „Reichsbund der katholisch deutschen Jugend“ (= Reichbund) war ein bedeutender Teil dieser Verbände. Daneben gab es zur Aufrechterhaltung des Einflusses der katholischen Kirche eine personelle Verquickung mit der „Christlichsozialen Partei“[1]. Ein nicht zu vergessender weiterer Faktor, der die 20er und 30er-Jahre prägte, war das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche einerseits und der politischen Linken – in Österreich der Sozialdemokratischen Partei – andererseits, war die kommunistische Revolution in Russland sowie die Errichtung von – wenn auch kurzzeitigen – Räterepubliken in Deutschland und Ungarn mit stark antiklerikalen Zügen. Durch das ab 1919 geltende allgemeine und gleiche Wahlrecht von Männern und Frauen waren die „austro-marxistischen“ Sozialdemokraten, erstmals in allen Wahlkörpern vertreten, dies führte zu einem Bedeutungsverlust der bisher bestimmenden bürgerlichen und kirchlichen Kreise. So begann ein „Wettlauf“ um die „Seelen der kleinen Leute“.

 

Ab 1910 begann sich die Pfadfinderidee auch in Österreich langsam in interessierten Kreisen auszubreiten. Neben den Gruppen, heute würde man sie als Späher- bzw. Explorer-Trupps bezeichnen, des Österreichischen Pfadfinderbundes (=ÖPB) entstanden auch der katholischen Kirche nahestehende Gruppen – „Pfadfinderkorps St. Georg“ genannt - in Graz und Wien, die sich dem ÖPB anschlossen. Aus organisatorischen Gründen wurden mehrere Gruppen zu Kolonnen zusammengefasst. Der Schwerpunkt der Entwicklung des ÖPB lag mit wenigen Ausnahmen in Wien. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden Anfang der 20er-Jahre „katholische Gruppen“, die in einer eigenen Wiener Kolonne, der IX. „weiße“ ÖPB-Kolonne, vereinigt wurden und ein gewisses Eigenleben im ÖPB entwickelten. Eine treibende Kraft dieser Entwicklung war der aus Graz stammende Adolf Klarer. Daneben entwickelten sich weitere katholische Pfadfindergruppen im „Reichsbund der katholisch deutschen Jugend“, im Elternverein „Frohe Kindheit“ und selbstständige „Pfadfinderkorps St. Georg“ in Oberösterreich und der Steiermark[2]. Adolf Klarer versuchte von Beginn an den Kontakt unter den katholischen Gruppen zu fördern, was zur Bildung des „Ringes der katholischen Pfadfinderschaften Österreichs“ führte[3]. Der österreichische Klerus stand der Pfadfinderbewegung anfangs ablehnend gegenüber oder ignorierte sie.[4] Das änderte sich erst nach klärenden Aussagen des 1922 neugewählten Papstes Pius XI. und nach einem Besuch des Wiener Erzbischofs Gustav Kardinal Piffl bei der Weihnachtsfeier der katholischen ÖPB-Gruppe 59. Auch der Erfolg der 1925 gegründeten sozialdemokratischen „Roten Falken“, die maßgeblich von ehemaligen ÖPB-Führern beeinflusst wurde, führte in kirchlichen Kreisen zu einem Umdenken.

 

Auch international ging die Entwicklung weiter. Unter der Leitung des französischen Jesuiten Jaques Servin entstand 1922 die „Internationale Katholische Konferenz der Pfadfinder“[5] zu deren Gründungsmitgliedern auch Österreich zählte. Bei der „3. Internationalen Führerkonferenz“ 1924, die parallel zum 2. Weltjamboree in Ermelungen/DK stattfand, wurde überraschender Weise Adolf Klarer signalisiert, dass auch ein eigenes österreichisches katholisches Pfadfinderkorps international anerkannt werden würde. Eine offizielle Anerkennung[6] war noch nicht möglich, da es noch keinen entsprechenden Verband in Österreich gab. Damals gab es die heute bei WOSM geltende Einschränkung, dass pro Land nur ein Pfadfinderverband anerkannt wird, noch nicht. Mitte der 20er-Jahre wurde in England als neues Organisationselement die „Gruppe“, die Zusammenfassung einzelner Abteilungen – Wölfings-, Pfadfinder- und Rover-Gruppen - an einem Ort eingeführt. In Österreich führten Adolf Klarer und Franz Schückbauer die Vorbereitungsarbeiten zur Gründung eines eigenen katholischen Verbandes konsequent weiter.

 

Mit Bescheid des Amtes der Wiener Landesregierung, MA 49, Zl. 968/25 erfolgte die „Nichtuntersagung“ für den Verein „Österreichisches Pfadfinderkorps St. Georg (Katholische Pfadfinder Österreichs)“ (=ÖPK), Proponenten war Dr. Hans Schmitz.[7] In weitere Folge wurde beim Treffen der katholischen Pfadfinderführer am 04. und 05.04.1926 in Bad Ischl, die laut Vereinsgesetz vorgesehene „Konstituierende Versammlung“ abgehalten, und der Linzer Diözesanjugendführer Franz Schückbauer zum Korpsführer gewählt. In weiterer Folge wurde die erste GOA (=Grundsätze, Organisation, Ausbildung) von Dr. Alfred Pokorn und Franz Schückbauer nach englischem und französischem Vorbild verfasst, die bei der ersten Führertagung des ÖPK am 14.11.1926 beschlossen wurde. Das Verbandsabzeichen mit Malteser Kreuz und Lilie wurde eingeführt; der Entwerfer ist unbekannt. In der GOA wurde der damals neue englische „Gruppenbegriff“ mit den Abteilungen für Wölfinge, Pfadfinder und Rover übernommen, der auch eine Aufnahmebedingung für neue Verbände bei WOSM darstellte. Das ÖPK zählte Ende 1926 insgesamt 19 Gruppen.[8]

 

Sofort wurden Kontakte mit dem „Reichsbund“ aufgenommen, um eine Aufnahme in den „Reichsbund“ zu erreichen. Grund dafür war, dass das kleine ÖPK „ohne entsprechenden organisatorischen und finanziellen Rückhalt nicht lebensfähig sein würde.“[9] Nach Verhandlungen mit der Spitze des „Reichsbundes“ Josef Moser, Jakob Fried und Franz Kastl, der damals rund 950 Vereine mit rd. 40.000 Mitgliedern[10] umfasste, wurde das ÖPK als Bundesverein dem „Diözesanverband Wien“ angeschlossen. Das führte dazu, dass das ÖPK auch zu jenen Jugendverbänden zählte, die unter das 1933 zwischen dem Heiligen Stuhl und der Republik Österreich abgeschlossenen „Konkordat“ fielen. Parallel dazu wurden mit dem „Internationalen Büro“ der Pfadfinder Gespräche aufgenommen, die schließlich zur internationalen Anerkennung des ÖPKs führten. Leider sind die genauen Aufnahmedaten in den „Reichbund“ bzw. in den Pfadfinderweltverband nicht bekannt.

 

Durch den Rückhalt der katholischen Kirche für das ÖPK– ironisches Ziel: „Jeder Kirchturm eine Pfadfindergruppe“ – wuchs das ÖPK explosionsartig, vor allem auf dem Land, und konnte bis 1938 einen Stand rd. 200 Gruppen mit rd. 6500 Mitgliedern erreichen.[11] Aufgrund der Tatsache, dass das ÖPK unter das „Konkordat“ fiel, wurde dem ÖPK nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im März 1938 nur die „weitere Tätigkeit“ untersagt. Nach dem damals geltenden Vereinsgesetz wurde dann das ÖPK nach 5 Jahren der Untätigkeit im Vereinsregister gelöscht.

 

 

[1]   Stefan Eminger: „Reichsbündler“, „Marienkinder“ und Bauernburschen - Politischer Katholizismus und Jugend auf dem Dorfe in der Zwischenkriegszeit“, https://journals.univie.ac.at – article – download; stand 28.11.2025

[2]     Gerhard Schultes: Der Reichsbund der katholisch deutschen Jugend Österreichs, Wien 1967, Seite 206

[3]     Gerhard Schultes a.a.O., S 206

[4]     Franz Schückbauer: Die Pfadfinderbewegung in Österreich - Werden, Wachsen, Wirken; Wien 1956, Seite 12

[5]     Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Internationale_Katholische_Konferenz_des_Pfadfindertums, Stand 27.11.2025

[6]     Manfred Fux: Geschichte der österreichischen Pfadfinderbewegung, Wien 1970, Seite 138

[7]     Manfred Fux, a.a.O. Seite 139

[8]     Manfred Fux, a.a.O. Seite 140

[9]     Gerhard Schultes, a.a.O. Seite 207

[10]   Gerhard Schultes, a.a.O. Seite 165

[11]   Kurt Pribich: Logbuch der Pfadfinderverbände in Österreich, Wien 2001, Seite 112

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