Umgang mit Papier und Archivmaterialien
Rückblick Botschafter*innen-Stammtisch am 06. September 2025
Nach dem üblichen fachsimpeln in der Stube ("Ist eine Excel-Liste geeignet als Gruppenarchivdatenbank?" bzw. "wird KI in puncto Pfadfindergeschichte von E.U.G.E.N. ersetzt werden?") und dem gewohnt köstlichen Mittagessen hielt Mag.a Katharina Plate einen Vortrag zum Umgang mit Papier und Archivmaterialien.
Nach ihrem Diplomstudium der Restaurierung und Konservierung an der Akademie der Bildenden Künste in Wien und praktischen Erfahrungen an unzähligen Instituten (Institut für Papierrestaurierung, Kunsthistorisches Museum, Technisches Museum, Museum für angewandte Kunst, Mumok, Österreichische Nationalbibliothek, Österreichisches Theatermuseum, Stiftung Stadtmuseum Berlin) kam Katharina Anfang September nun endlich ans Institut für zusammenklebende Schreibmaschinen-Lagerberichte.
Während in Europa früher Lumpen als Grundstoff verwendet wurden (der Begriff "Haderlump" geht darauf zurück), besteht das standardmäßig verwendete Schreibpapier heutzutage aus Holzfasern.
In Österreich wird dafür Holz verarbeitet, das zu 70% aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern stammt (Durchforstungsholz, Schadholz, Sägerestholz). Qualitatives Papier besteht aus langen Holzfasern, "billigeres" Papier aus kurzen, geschrotteten Fasern, die es anfälliger und kurzlebiger macht.
Da man in Museumdepots tendenziell mit billigeren Papieren zu tun hat (weil das nun mal die im Alltag verwendeten Standard-Papiere sind), ist besonders auf deren Handhabung zu achten: dunkle Lagerung, 40–45% relative Luftfeuchte, unter 20°C Raumtemperatur.
Ab 60% relative Luftfeuchte gedeiht der Schimmel, der wiederum Läuse und Milben ernährt; genauso sind starke Schwankungen im Raumklima zu vermeiden (Schwankungsbreiten von 18°C bis 25°C unterm Jahr sind jahreszeitenbedingt und damit in Ordnung).
Für die Lagerung empfehlen sich säurefeie Kartons oder Schachteln, in die man Papiere einlegen kann; die so oft verwendeten Klarsichtfolien aus Plastik würden das Papier auf lange Sicht angreifen. Genauso sollten die klassischen Bücherregale aus Holz vermieden werden, da sie mit der Zeit Gerbstoffe an Materialien abgeben.
Bei freistehenden Objekten aus Papier wäre regelmäßiges Staubwischen wichtig, da im Staub immer Schimmelsporen enthalten sind, die bei geeignetem Milieu anfangen würden sich zu entwickeln; zudem verursacht ein Staubfilm auf Büchern eine Vergilbung vom Rand her, weshalb ein Absaugen von Bücherregalen mindestens einmal im Jahr ratsam wäre.
Im Ausstellungsbereich gilt es zudem auf die Beleuchtung zu achten: Objekte bei 50 Lux für maximal 3 Monate direkt bestrahlen, kein knuspriges Dauerbraten im Glühbirnen-Spot.
Um Feuchtigkeits- und Belichtungswerte im Depot- und Ausstellungsbereich auszumessen und regelmäßig zu überprüfen, empfehlen sich erschwingliche Hygrometer und Luxmeter einschlägiger Fachfirmen.
Prävention- und Monitoringmaßnahmen betreffen auch die allseits gefürchteten Papierschädlinge; zu den bekanntesten zählen die Silberfischchen, die am liebsten Klebstoff an Papieren anknabbern. Um zu überprüfen, ob sich Schädlinge in einem Depot herumtreiben, empfiehlt es sich Klebefallen aufzustellen; danach kann über die weitere Vorgehensweise beraten werden.
Die gesamtheitliche Strategie, die verschiedene Ansätze zur Vermeidung, Überwachung und Behandlung von Schädlingsproblemen miteinander verbindet, heißt in der Kindheit bekanntlich "Mama", in der Museums- und Depotarbeit hingegen Integrated Pest Management.
Damit Institutionen wie das renommierte Pfadfindermuseum praktische Richtlinien zum IPM in der Hand haben, wurde vom Technischen Komitee zur Erhaltung des Kulturellen Erbes ein europäischer Standard erarbeitet, der in der Norm DIN EN 16790 zusammengefasst ist (Deutsche Fassung EN 16790:2016).
Die 5 Stufen des IPM lauten im Wesentlichen: Vermeiden, Blockieren, Erkennen, Isolieren, Behandeln (also ähnlich dem Läusemanagement auf WiWö-Sommerlager).
Das Vermeiden beinhaltet die bereits angesprochenen Maßnahmen hinsichtlich Hygiene, Raumklima und -temperatur. Zusätzlich wird ausreichend Ventilation und Belüftung erwähnt sowie das Entfernen möglicher Insektenkeimzellen am depotumgebenden Gebäude (keine Wasserlecks, Kletterpflanzen an den Außenmauern etc.); zudem sollten Objekte mindestens 15 cm über Bodenniveau lagern.
Im Grunde wird empfohlen: Gestalte deine Depoträume möglichst unattraktiv für Ungeziefer, sodass sie sich dort nicht wohlfühlen (wichtig: für Museumsbotschafter*innen das genaue Gegenteil befolgen).
Das Blockieren geht Hand in Hand mit dem vorherigen Schritt: Ist das Gebäude und das Depot einmal fein beinand', wirf ein Auge auf alles, was von draußen reinkommt. Heißt neu aufgenommene Objekte auf Ungeziefer untersuchen und auf möglichst wenig Durchzugsverkehr in den Depoträumen achten (vorher Schuhe abputzen und Überkleidung ablegen hilft auch schon).
Das Erkennen hat mit den bereits angesprochenen Monitoringmaßnahmen zu tun, die regelmäßig durchgeführt werden sollten; im Grunde werden hiermit die bereits angewendeten Präventionsmaßnahmen aus Schritt 1 und 2 überprüft ob sie ausreichen. Dazu gehört das Protokollieren, was in den Klebefallen hängen geblieben ist, sowie das Überprüfen der Depoträume und des Gebäudes auf Gebrechen.
Sollte einmal ein Befall erkannt werden, gehören die betroffenen Objekte isoliert und der Quell des Übels beseitigt. Danach kann wieder zu Schritt 1 gegangen werden und die Situation im Depot neu evaluiert werden.
Gerade hinsichtlich Papierobjekten gibt es einige Firmen, die sich auf dieses Material spezialisiert haben und mit ihren Produkten für eine ausreichende Archivqualität sorgen können (z.B. Beskid Plus, Klug-Conservation, Schempp Bestandserhaltung, Hans Schröder, Long Life for Art).
Bei beschädigten Objekten, für die eine gute Konservierung nicht mehr ausreicht und denen ein gewisser künstlerischer Wert zugeschrieben wird, empfiehlt es sich, eine Restauration in Betracht zu ziehen. Risse, alte Tixostreifen oder rostige Metallklammern gehören zu den häufig auftretenden Spuren, die schon mit etwas Aufwand beseitigt werden können, um das Objekt wieder an den Originalzustand heranzuführen.
Falls einmal etwas nicht in hauseigener Bastelarbeit bewältigt werden kann, wissen wir, dass wir bei Mag.a Katharina Plate gut aufgehoben sind (papierrestaurierung-wien.at).
Im Pfadfindermuseum sind wir zum Thema Papier jedenfalls umfassend informiert und gerüstet für zukünftige Herausforderungen; wohl auch deshalb kursieren bereits Fragen im Raum wie: "Haben wir im Museum einen Logger, der Temperatur bzw. Luftfeuchtigkeit aufzeichnet?"

